Die deutsche Fehlerkultur

Als „Fehlerkultur“ bezeichnet die Soziologie die Art, wie eine Gesellschaft mit Fehlern und den Individuen, welche sie begehen, umgeht. Ein Gießener Organisationspsychologe untersuchte in einer Studie die Fehlerkultur deutscher Unternehmen.

In der Vergangenheit, so stellte er fest, waren Innovationen in Deutschland immer das Produkt eines langen, kollektiven Entscheidungsprozesses. Die vielen revolutionären Neuerungen, die während der Industriellen Revolution in Deutschland entwickelt wurden, waren fast nie die Idee eines einzelnen, genialen Tüftlers, sondern immer ein Produkt von Gruppenprozessen.

Auf diese Art konnten Fehler besprochen und von vornherein kollektiv ausgemerzt werden. So steht am Ende, nach langem Gegrübel und vielen sorgfältigen Testdurchläufen, ein perfekt ausgereiftes Produkt. Amerikanisches „Trial and Error“ gibt es in der deutschen Unternehmenskultur kaum. Kein Wunder, dass es für den Begriff auch keine deutsche Entsprechung gibt.

Die Kehrseite ist nun aber, dass in einer Zeit, in welcher Innovationen immer schneller auf den Markt müssen, kaum Zeit für kollektives Fehlerbeseitigen bleibt. In diesen Situationen neigt die deutsche Mentalität laut dem Organisationspsychologen dazu, bei Missgeschicken einzelne Personen zur Verantwortung zu ziehen und bloßzustellen.

Aus einem Fehler wird eine persönliche Sünde, die aufgedeckt und bestraft werden muss. Vielleicht ja ein Indikator für die tief in der deutschen Kultur verankerte Angst vor Fehlern aller Art, jedoch bremst die Fehlervermeidung um jeden Preis oft die Kreativität aus.