Einzelgänger

Dort, wo Amerikaner in Deckung springen, sehen sich Deutsche in einer offenen und lebhaften Auseinandersetzung. Vielleicht wird gestritten, vielleicht gibt es etwas Spannung, aber wenn, dann um Klarheit über das diskutierte Thema zu gewinnen.

Sie treffen sich einmal im Quartal. Das Führungsteam. Jeder berichtet über sein Geschäft. Die Kollegen haben die Gelegenheit, ja die Pflicht, zu kommentieren, Fragen zu stellen, gegebenfalls Vorschläge zu machen.

Deutsches Unternehmen. Deutsche Logik. Schwach laufende Geschäftsbereiche werden bis zu einem gewissen Grad von besser laufenden unter den Arm genommen. Daher will man notfalls mitreden.

Negativismus hoch drei

Eine Amerikanerin. Leitet einen der Geschäftsbereiche. Neu dabei. Ihre Zahlen sind solide. Wenige Kommentare von den Kollegen. Anders bei anderen Geschäftsbereichsleitern. Einer wurde ins Kreuzfeuer genommen, als wenn es sich um einen Schwerverbrecher handelte. Der Amerikanerin war es unbehaglich, äußerst unangenehm. “What value does this have? How can this group ever function as a team?” Negativismus hoch drei. Und die Chefin des Ganzen griff überhaupt nicht ein!

Der unter Druck gestellte Kollege blieb ruhig, beherrscht. Die Kritik war aus seiner Sicht nicht unbegründet. Vielleicht etwas überzogen, vom einen oder anderen unkollegial kommuniziert, aber in der Sache legitim. Ein Vorschlag war besonders hilfreich, aufbauend, analytisch stark. Von einem älteren Kollegen. Sie verabredeten sich. Würden den Vorschlag vertiefen.

Die amerikanische Kollegin sah jedoch nur Kleinkariertheit, Härte, menschliche Kälte. Sie beschloss, sich so etwas auf keinen Fall jedes Quartal auszusetzen. Bei den darauffolgenden Treffen fehlte sie dann auch. Plausible, aber nicht ganz akzeptable, Gründe gab sie vor.

Unter ihren deutschen Kollegen und Kolleginnen wurde schon getuschelt: Warum fehlt sie? Ist sie nicht mehr loyal? Will sie sich absondern? Führt sie was im Schilde? Ist sie eine Einzelgängerin, ein lone wolf? Eigensinnig und egozentrisch? Vielleicht sollte ihre Business Unit in eine andere integriert werden. Als die Amerikanerin es kommen sah, war es zu spät.

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