Frau Schmitz

Vor einigen Wochen hatte ich mir einen Mageninfekt eingefangen. Bei meinem Hausarzt Dr. Planck musste ich mir Medizin verschreiben lassen.

Es war Freitagnachmittag, und ich hatte keinen Termin. Seine Praxis in der Bonner Innenstadt ist klein, es gibt nur ihn und seine Assistentin dort. Es ist kaum möglich, einfach vorbeizukommen, aber mein Wochenplan ließ mir keine andere Wahl.

Ich betrat die Praxis, ging am Wartezimmer vorbei und nickte dabei den fünf oder sechs Leuten zu, die dort Illustrierte lasen oder sich mit ihren Smartphones beschäftigten, und streckte meinen Kopf ins Büro der Assistentin. „Sie haben keinen Termin, Her Magee“.

Sie lächelte nicht. Eigentlich lächelt sie auch selten. Schroff, kann man sagen. Schroff ist auch oft das Wort für Deutsche, von denen US-Amerikaner meinen, sie sollten eher fröhlich, hell, lächelnd, freundlich und kundenorientiert sein.

Freundliche Inkompetenz vs. unfreundliche Kompetenz

„Nein, tut mir Leid, Frau Schmitz. Ich hatte einfach keine Zeit anzurufen. Mein Plan …“ Sie unterbrach mich mit einem klagenden Unterton. Es war nicht ganz klar, was sie sagte: „Bitte nehmen Sie im Wartezimmer Platz, Herr Magee.“ Ich lächelte und dankte ihr.

Ich lebe seit 25 Jahren in Deutschland. Diese Art der Interaktion habe ich über tausend Mal erlebt. 25 Jahre mal zwölf Monate mal vier Mal im Monat. Es ist mir sehr vertraut.

In meinen ersten Jahren in Deutschland war meine Reaktion: „Typisch Deutsche. Freundliche Inkompetenz oder unfreundliche Kompetenz (Möchten die mich nicht als Patienten?)“.

So denke ich nicht mehr. Frau Schmitz ließ mich binnen 45 Minuten vor. Dr. Planck war froh, mich zu sehen. Er fragte nicht nur nach meinem Virus, sondern auch generell nach meinem Befinden und schrieb dann das Rezept.

Frau Schmitz erledigte den Papierkram sehr rasch und effizient und empfahl mir eine Apotheke, zu der ich am besten gehen sollte. Sie gab mir noch ein paar Ratschläge mit, was ich während der kommenden Tage essen und trinken sollte. Die ganze Zeit lächelte sie und führte einen sehr schönen Smalltalk.

Zuerst erschien Frau Schmitz als Frau Schroff, aber war dann tatsächlich Frau Kompetent, Frau Fürsorglich, Frau Nett, alles zusammen. Wann immer mich jemand nach einem guten Arzt in Bonn fragt, empfehle ich Dr. Planck (und Frau Schmitz).

Reflection

Falls Sie Amerikaner sind, gibt es die Frau oder den Herr Gruff bei Ihnen in der Organisation? Wie ist die Zusammanarbeit mit ihr/ihm? Was können Sie tun, damit die fürsorgliche, nette Frau Gruff bzw. Herr Gruff herauskommt?

Falls in Ihnen als Deutschen ein Stück Frau/Herr Gruff steckt, was hält Sie davon ab, die fürsorgliche, nette Frau/Herr Gruff zu sein?

Schreibe einen Kommentar