“Ich glaube nicht, ….”

Es geschah vor wenigen Jahren in New Jersey. Ich traf mich mit einem engen Freund, Michael, den ich noch aus unserer gemeinsamen Zeit an der Georgetown University in Washington DC kannte. Wir sehen einander nicht oft, aber wenn, dann haben wir uns immer eine ganze Menge zu erzählen. Michael ging im Anschluss an unser gemeinsames Studium zur Law School in Georgetown und dann in die Gesundheitsbranche. Er hat Erfolg, eine solide Ehe und vier wohlgeratene Töchter.

Nach unserem Grundstudium zog ich für ein Jahr nach Deutschland und Michael engagierte sich mit acht anderen engen Freunden in der von Jesuiten organisierten Entwicklungszusammenarbeit in Nicaragua. Alle besuchten sie einen Sommer-Crashkurs in Spanisch, bevor sie bei nicaraguanischen Familien in verschiedenen Dörfern lebten.

Als wir einander in New Jersey trafen, unterhielten wir uns über meine Arbeit. Michael war sehr neugierig, aber gleichzeitig skeptisch, dass es kulturelle Unterschiede gibt, zumindest bedeutsame. Ich war von seiner Skepsis ziemlich überrascht, wo er doch in einer Kultur gelebt hat, die sich deutlich von der US-amerikanischen unterscheidet. „Ich glaube nicht, dass es echte Unterschiede gibt. Menschen sind Menschen.“

Streitschlichter im deutschen Kulturkontext nur unter vier Augen

Ich nannte ein paar Beispiele über Deutsche und Amerikaner. Sie überzeugten ihn nicht. Vielleicht waren die Beispiele auch zu einfach. Wir aßen unsere Sandwiches, schlürften unsere Milchshakes, dann fiel mir ein, dass Michael ausgebildeter Jurist ist. Ich sagte: „Gut, nehmen wir das Recht. Glaubst du, dass Konflikte in den USA und in Deutschland grundsätzlich gleich beigelegt werden?“ Er war sich klar über die Antwort zu dieser Frage. „Recht ist Recht, oder?“

Ich strapazierte seine Geduld und ging in einige Einzelheiten zu Anhörungen. „Meinst du, wenn ein Gruppenleiter in einer Firma in Deutschland einen Konflikt zwischen Gruppenmitgliedern beilegt, dass er dann denselben Ansatz verfolgt wie im umgekehrten Fall ein Amerikaner?“ Ein Kinderspiel für Michael: „Ganz sicher.“

Ich erklärte weiter, dass Deutsche stark dazu neigen, eine offene Anhörung zweier Konfliktparteien zu vermeiden. Ein Schlagabtausch vor der nächsthöheren Managementebene würde nur die Spannung verstärken und eine Beilegung zusätzlich erschweren. Stattdessen wird der Streitschlichter im deutschen Kulturkontext eher jede Seite getrennt voneinander und unter vier Augen befragen.

Bedeutende kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Deutschland

„Amerikaner dagegen“, fuhr ich fort, „erwarten eine faire Anhörung. Die Konfliktlösung beginnt eigentlich erst, wenn die Konfliktparteien zusammen ihre Sache vor dem Gruppenleiter darlegen, welcher sich – im amerikanischen Geschäftskontext – als Richter ansieht.“ Selbstverteidigung ist nur möglich, wenn man weiß, was einem vorgeworfen wird. Ein Kinderspiel.

Michael hatte aufmerksam zugehört, seine Augenbrauen angehoben, zuerst nicht geantwortet, mich stattdessen nur angeschaut und überlegt. Dann sagte er: „Ich wusste das über die Deutschen gar nicht.“ Wie sollte er? Er hat sein ganzes Leben, außer einem Jahr in Nicaragua, in den USA verbracht. Und er hat Jura in den USA studiert.

Michael ist ein enger Freund. Ein intelligenter, selbstkritischer, reflektierender Mensch. Ich kenne ihn seit über dreißig Jahren. Und er hat in einer Kultur gelebt, die sehr anders als die US-amerikanische ist. Wie konnte er annehmen, dass es nur einige wenige, falls überhaupt, bedeutende kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Deutschland gäbe. Ich erlebe das immer wieder, und es überrascht mich.

Reflection

Die Rechtssysteme sind in der Tat ziemlich unterschiedlich. Haben Sie einen anderen Unterschied beobachten oder erlebt? Welchen Einfluss hat diesen Unterschied auf die Zusammenarbeit?

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