Präzedenzrecht und Details

Es geschah während meines allerersten Jahres, als ich im Bundestag für die CDU/CSU-Fraktion arbeitete. Es gab einige ernste Meinungsunterschiede zwischen mir und meinem Gruppenleiter, meinem Chef. Offenbar wurden sich Leute in der obersten Ebene darüber bewusst. Binnen weniger Wochen wurde ich einfach darüber informiert – auf eine respektvolle, kompetente und intelligente Weise – dass ich einem anderen Team zugeteilt würde.

Diese Entscheidung hat mich überrascht. Keinen Moment lang in den Wochen bis zur Versetzung hatte irgendjemand, nicht ein Einziger, mit mir gesprochen. Weder wurde ich gebeten, die Lage aus meiner Perspektive zu beschreiben, noch eine mögliche Lösung vorzuschlagen, noch gab es irgendeine Art von Zusammenkunft mit meinem Chef, um die Dinge zu besprechen.

In den Jahren, in denen ich deutsche Unternehmen beriet, hatte ich mit vielen internen Konfliktsituationen zu tun, die meine Kunden rasch aber umsichtig zu lösen hatten. Ich beobachtete immer und immer wieder, wie sie es in einer schier verstohlenen Weise angingen: leise, vorsichtig, im Hintergrund, unbeobachtet. Der deutsche Ansatz wirkt sicherlich. Die deutsche Gesellschaft ist außerordentlich friedlich, sicher, vorhersehbar. Die Deutschen wissen, wie man Konflikte wirksam löst.

Das Präzedenzrecht sieht jeden Fall als Einzelfall an

Ein paar Monate zuvor besprach ich dies mit einer höhergestellten Amerikanerin, die sehr eng mit Deutschland zusammenarbeitet und Deutsche in ihrem Betrieb hat, einschließlich direkt Unterstellte. Wir besprachen die unterschiedlichen Ansätze der Konfliktlösung.

„John, es stimmt, dass die Deutschen, wenn sie einen Konflikt beilegen, versuchen, dies ein für alle Mal zu regeln, dass sie versuchen, so etwas wie eine Best-Practice-Modell daraus zu machen. Ich kann diesen Wunsch nachvollziehen. Aber er braucht zu viel Zeit.“ Karen fuhr fort: „Und außerdem hilft es sowieso nichts, eine Best-Practice-Verfahren festzulegen.“ Ich fragte, warum. „Weil jeder Konflikt anders ist. Die Leute, Einzelheiten und Umstände.“

Ich stimmte Karen zu. Wir fingen an, über die Natur des Präzedenzrechts in der angloamerikanischen Rechtstradition zu spekulieren. Keiner von uns verfügt über juristische Fachkenntnisse, aber jeder gebildete Amerikaner weiß, dass ein Rechtssystem, das auf Präzedenzrecht gründet, tatsächlich jeden Fall als Einzelfall ansieht. Das amerikanische Rechtssystem bezieht sich nicht nur auf Gesetze, sondern auch auf Präzedenzen (d.h. wie frühere Gerichte den Konflikt beigelegt hatten) ebenso wie auch auf die aktuellen Einzelheiten des Falles.

„Eine Best-Practice-Modell zu entwickeln, ist die Sache nicht wert. Zukünftige Konflikte, selbst wenn sie von derselben Art sind, werden sich im Detail voneinander unterscheiden. Und um wirkliche Gerechtigkeit zu erreichen, müssen solchen Einzelheiten mit einbezogen werden.

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