Eine folgenschwere Entscheidung

Es war mein erster Kunde. Zwei Unternehmen waren fusioniert worden, ehemalige Konkurrenten, mit quer durch die Bank denselben Produktlinien. Entscheidungen waren zu treffen. Wer macht welche Produkte weiter bzw. wer muss was aufgeben? Große Entscheidungen. Produkte, Jobs, Budgets, Standorte, Macht und Einfluss, auch nationale Politik, denn es handelte sich um Unternehmen, die in Deutschland und den USA landesweit sehr bekannt waren, Großunternehmen, Traditionsunternehmen, deren Namen man von Kindesbeinen auf kennt. Wenn solche von ausländischen Unternehmen gekauft werden, will zumindest die Landes-, meistens aber auch die Bundespolitik über die Bedingungen der Transaktion mitreden.

Was die Produktlinien anging, wählte das Topmanagement ein Entscheidungsverfahren nach dem Motto: „Lassen wir die beiden Seiten um die Wette konkurrieren.“ Eine verheerende Entscheidung, die eine regelrechten Krieg auslöste. Grabenkämpfe. „Wir gegen die!“ Die Zahlen wurden verschönert, an manchen Stellen sicherlich manipuliert. Mit Vorwürfen wurden wurde nur so um sich geworfen. Alles schaukelte sich hoch. „It got ugly fast“, sagt man im US-Amerikanischen. Es wurde entschieden. Gewinner und Verlierer. Land 1 bekam die Produktlinie X, Land 2 die Produktlinie Y. Land 2 war jedoch maßgeblich an der Erfindung und Entwicklung des Produktes X beteiligt, sahen sich sozusagen als „rechtmäßigen Eltern des Kindes“.

Mangel an Transparenz, sich den Auswirkungen nicht bewusst

Land 2 sei dementsprechend vergleichbar mit lieblosen Adoptiveltern ohne rechtmäßiges Sorgerecht; Eltern, die die eigenen Kinder bevorzugen. Es gab Gerüchte, sogar handfeste Indizien, sie würden das Adoptivkind aushungern lassen. Für die „Eltern“ im Land 2 eine grundtiefe Erschütterung, die endlose schlaflose Nächte mit sich brachte. Es war ihr Kind. Sie blieben aber nicht untätig, unternahmen alles, um das Kind zurückzubekommen.

Es war folgenschwer, solch eine Entscheidung an sich zu treffen. Aber auch wie diese Entscheidung zustande kam war fatal: durch internen Wettbewerb unter ganz neuen Kollegen, durch einen Mangel an Transparenz, ohne sich über die Auswirkungen bewusst zu sein. Amateurhaft, fahrlässig. Das alleinige Sorgerecht wurde aufgeweicht. Den leiblichen Eltern wurde zwar mit der Zeit wieder Zugang zum Kind gewährt. Die Wunden sind aber bei weitem nicht verheilt. Der Konflikt um das Kind bleibt bestehen.

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