gelsenkirchen

Gelsenkirchen

Es war Sommer 2001, ein dreitägiges Seminar in Gelsenkirchen, deutsches Großunternehmen, Designingenieure, Deutsche und US-Amerikaner. Gute, fähige Leute. Leute, die es gut machen wollen. Aber die natürliche Dynamik zwischen Konkurrenz und Kooperation unter Kollegen war präsent.

Ich war nie in Gelsenkirchen. Das Ruhrgebiet kannte ich auch nicht besonders. Welch eine historische Ecke von Deutschland! Ist das moderne, industrielle Deutschland ohne Kohle und Stahl, also ohne das Ruhrgebiet denkbar, machbar gewesen? Als US-Amerikaner liest man darüber oder sieht in einem Dokumentarfilm, wie die Alliierten deutsche Streitkräfte im Ruhrgebiet, „the industrial heartland of Germany“, einkesselt. Stammt man aus einer Großstadt in den USA, kann man sich das vorstellen. Stammt man aus Pittsburgh oder Bethlehem in Pennsylvania, kann man sich das sehr gut vorstellen. Beide waren die größten Stahl produzierenden Städte der USA, sozusagen die Ruhrstädte Amerikas, auch mit unzähligen Familien mit östlich klingenden Namen, aus Polen, der Ukraine, Ungarn usw.

Bis heute weiß ich nicht, was mir in den Tagen besser gefallen hatte, das Seminar oder die Tour, die wir am Ende des ersten Workshoptages machten. Die Sommertage sind lange in Deutschland, wesentlich länger als an der Ostküste der USA. Um 18 Uhr waren wir fertig. Es war ein langer Tag. Ich peitschte die Teilnehmer so sanft wie möglich durch das Programm. Ich fordere viel. Viel Nachdenken, Reflektion, Diskussion und Debattieren. Es ist keine geistige Übung, sondern sehr praxisbezogen. Entscheidungen werden getroffen, Spielregeln formuliert und verabschiedet. Solche Workshops haben konkrete Konsequenzen. Außer den Pausen gibt es keine Momente, in denen man sich gedanklich anderswohin leiten kann. Am Ende solche Tage sind alle, vor allen anderen ich, völlig ausgepowert.

Die Vergangenheit lebendig halten

Die Tour war aber großartig. NRW, ja die Deutschen als Volk, hütet ihre Geschichte. Zechen werden geschlossen. Kohle ist nicht die Zukunft der Region. Man weiß das. Sie halten die Vergangenheit trotzdem lebendig. Erst fuhren wir, fast 18 Menschen, auf Fahrrädern ungefähr 30 Minuten quer durch Felder, kleine Waldstücke, über ein Bächlein. Die Luft fing an, sich ganz leicht abzukühlen. Es ging in Richtung einer still gelegten Zeche, die in ein Museum umgewandelt wurde. Von den Rädern abgestiegen, ein paar einleitende Worte von unserem Reiseführer, dann direkt in die Zeitmaschine rein.

Wieder ein außerkörperliches Gefühl für mich. Einerseits bin ich mitten drin in den gegenwärtigen Beziehungen zwischen meinen Landsleuten und den Menschen, deren Sprache, Geschichte, Kultur, ja „way of life“ ich kennenlernen möchte.

Ich meine auch in der Tat Beziehungen, Dinge, die ganz persönlich sind. Wie US-Amerikaner und Deutsche Abmachungen treffen und halten, wie sie Organisationen aufbauen und managen, wie sie Menschen führen und wie sie geführt werden sollte, wie sie sich sozusagen aus der eigenen Haut heraus bekommen, um in die Haut des Kollegen von der anderen Seite des Atlantiks hinein zu schlüpfen.

An die Geschichte glauben, nicht an Vergangenheit

Kooperation heißt, die andere Perspektive so gut wie möglich vom deren anderen Standpunkt heraus zu verstehen, ja zu sehen. Sich in die Schuhe des anderen zu stecken. Wir kennen die Redewendungen. Wir wissen auch, wie ungeheuer schwierig es ist. Es ist auch nicht ohne Gefahr, denn was ist, wenn man dabei feststellt, die andere Perspektive ist klarer, wahrer als die eigene? Das hat reelle Konsequenzen, die mit Nachteilen verbunden sein könnten.

Es ist schwierig, schwer, schmerzhaft. Meine Aufgabe ist es, den Weg zu zeigen und die Menschen zu begleiten. Nicht als wenn ich alles wüsste. Weit gefehlt. Auch nicht als wenn ich unbeteiligt wäre. Ich spüre die Intensität und Komplexität genauso wie die deutschen und U-amerikanischen Kollegen. Ich zeige den Weg und begleite, weil ich länger selbst dabei und überzeugt bin, dass man so mehr erreichen kann, dass man als Mensch weiter kommt.

Einerseits bin ich mitten drin in den gegenwärtigen Beziehungen. Andererseits transportiert uns die Zeitmaschine, in diesem Falle die Tour in die Zeche, in eine Zeit zurück, die uns hilft zu verstehen, warum wir so sind, wie wir sind, besser gesagt, wie wir so geworden sind. Ich glaube nicht an Vergangenheit, an Geschichte schon. Die Dinge vergehen nicht.

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