Virus Misstrauen

Das Nachhaken ist in Deutschland ein Zeichen von Misstrauen, von Zweifel an der Zuverlässigkeit und an der Fähigkeit eines Kollegen, seinen Teil einer Aufgabe zu liefern. Denn in Deutschland sagt man nur Ja, wenn man sich sicher ist, den Beitrag auch wirklich leisten zu können.

Deutsche sind sehr empfindlich gegenüber Misstrauen. Sie können schlecht damit umgehen. In einer kleinen Arbeitsgruppe, in der fast jeder sein eigenes Projekt hatte, kümmerte sich der Chef immer weniger um das Team. Ein neuer Mitarbeiter nutzte diesen Freiraum und beanspruchte immer mehr Privilegien für sich.

Auch die anderen Mitarbeiter sahen sich nun als Einzelkämpfer. Das Misstrauen unter den Teamkollegen stieg und stieg. Jeder sorgte für seine Sicherheit. Für gemeinsame Projekte und gegenseitige Unterstützung fehlte das Vertrauen. Nach einiger Zeit bemerkte dies auch der abwesende Chef und schrieb nun seinerseits einen bösen Brief an das gesamte Team, dass es so nicht weiter gehen könne.

Aber es ging so weiter. Da regelmäßige Teamsitzungen oder Besprechungen schon lange die Ausnahme waren, setzte der Chef nun seinerseits stärker auf Kontrollanrufe vom Handy: „Ist Frau Müller an ihrem Arbeitsplatz? Aha, heute auch nicht“.

Das Nachhaken vom Chef vergrößert nur noch das Unbehagen. Jetzt sucht jeder nach Alternativen. Ein Teil der Mitarbeiter verlässt das Team. Andere bewerben sich bereits auf andere Stellen. Misstrauen und Nachhaken, ein gefährlicher Virus mit tödlichen Folgen. Vertrauen ist da ein verlässlicher Antikörper.